Hallo zusammen!
Meine Güte, ich kann mich wirklich nicht damit rühmen, eine besonders fleißige Blog-Schreiberin zu sein. I am very sorry! Es ist viiiel zu viel Zeit vergangen seit meinem letzten Eintrag. Aber bevor ich nun lange nach Ausreden suche, steige ich doch lieber gleich in die Materie ein.
Man glaubt es kaum, aber unsere Zeit in Washington neigt sich langsam – bzw. momentan eher sehr schnell – dem Ende zu. Drei Praktikumstage habe ich noch vor mir, dann eine weitere Woche in Washington, die ich nutzen werde, um Literatur an der Library of Congress zu durchstöbern, „zu brainstormen“ und auf einen Geistesblitz bezüglich meines Magisterarbeitsthemas zu hoffen... es sollen ja schon Wunder geschehen sein! Außerdem werden Jack und ich in unsere letzte Washington-Woche wahrscheinlich hektisch durch die Stadt hetzen, um all die Plätze, Memorials, Bars, Veranstaltungen zu sehen/besuchen, die wir in den letzten 3 ½ Monaten verpasst haben... Dabei haben wir uns wirklich bemüht: Wir sind an den Wochenenden fleißig in Museen gegangen, haben uns unter der Woche durch die Stadtteile und ihre Restaurants gefressen und getrunken, diverse politische Events besucht, neulich zum Beispiel mit dem australischen Verteidigungsminister und heute mit drei Mitglieder der britischen „Conservative Party“ (wahrscheinlich die Regierungspartei ab 2009...), die sich mehr oder weniger deutlich für einen Krieg mit dem Iran ausgesprochen und die Europäer (zu denen sie sich ja nicht zählen) ordentlich für ihre Irak-Passivität gescholten haben... Jack ist vor Scham immer kleiner geworden in seinem Sessel. Ich habe Jack zu diversen Kulturhighlights gescheucht (Hoch- und Populärkultur... als echter Kuwi weiß ich beides gleichermaßen zu schätzen – danke, Mr. Fiske! :-), ins Theater (das Stück trug den Titel „Lebensraum“...), zu Musicals („Lion King“ und „Spring Awakening“), zu Vorführungen von deutschen Filmen im Goethe Institut, Open Air Cinema auf der National Mall, Jazzkonzerten (zählt das zur Hochkultur...? Ich höre Adorno sich im Grab wälzen bei dieser Frage...) usw. Und trotzdem - obwohl sich D.C. etwas „provinziell“ anfühlt – haben wir die Fülle und Vielfalt von Washingtons Angeboten noch längst nicht ausgeschöpft. Das muss also innerhalb der nächsten Tage nachgeholt werden. Auf, auf!
Mein Praktikum: Nach den Klagen der ersten Wochen bzw. ersten anderthalb Monate hat sich das Ganze dann doch noch sehr erfreulich entwickelt. Im Juni war ich die einzige Praktikantin und war in die Vorbereitung und Durchführung einiger interessanter Veranstaltungen (zwei Jazz- und ein klassisches Konzert) involviert, wo ich mein Organisationstalent endlich unter Beweis stellen durfte :-) Ein weiteres spannendes Projekt war die Organisation der „Urban Watersheds Conference“ in der Residenz der Botschafterin; eine Architektur-Professorin von der Catholic University, die die Konferenz ins Leben gerufen hat, war so angetan von meinem Einsatz und meiner Arbeit (ja, ich war am Vortag als einzige bis 20:45 im Büro, um das Handout fertigzustellen... da kommen Präsidiums-/Startwochen-Erinnerungen hoch...), dass sie mir ein sehr nettes Empfehlungsschreiben verfasst hat. Das geht doch runter wie Butter :-)
So verlasse ich also die Botschaft um ein paar sehr gute, interessante Erfahrungen (und zwei Empfehlungsschreiben) reicher – was will man mehr?!
Anfang Juli fand der große „Praktikantenaustausch“ statt – die alten ging, neue kamen, ich blieb. Wir haben jetzt eine sehr lustige, nette und - meist - unternehmungslustige Truppe hier, mit der wir uns zum Beispiel am Mittwoch ein Baseball-Spiel des furchtbar schlechten Washington-Teams anschauen werden... die Hotdogs sollen wenigstens gut sein... wobei die hier auch noch nichts von Röstzwiebeln, süßem Senf und vernünftigen Gewürzgurken gehört zu haben scheinen... tststs!
Man kann Jack und mir sicher nicht vorwerfen, wir hätten uns nicht aus unserem Washingtoner Dunstkreis hinausbewegt... oh nein! Ausflüge standen immer ganz oben bei uns. Da war das lange Wochenende in New York, dann ein Trip an die Atlantikküste; als meine liebe Schwester für zwei Wochen zu Besuch war, haben wir sie in den Shenandoah National Park entführt, außerdem in die verträumte, kleine Stadt Charlottesville in Virgina, wo schon richtiges „Südstaaten-Feeling“ aufkommt, und nach Monticello, dem ehemaligen Anwesen von Thomas Jefferson (...war das nicht dieser amerikanische Boxer im Fliegengewicht...?). Mein Geburtstagsgeschenk war ein Wochenendtrip nach Harpers Ferry – ein Dorf in der westlichsten Ecke West Virginias. Harpers Ferry ist ein geschichtsträchtiger Ort, da hier während des Civil Wars in den 1950/60er Jahren einige Schlachten ausgetragen wurden und Harpers Ferry achtmal von verschiedenen Gruppen besetzt wurde, immer abwechselnd von den „Unionists“ (die ein einheitliches Amerika wollten; eher die Nordstaaten) und den „Confederates“ (eher die Südstaaten, die sich von den Nordstaaten abspalten wollten) – ihr wisst ja, wer gewonnen hat. Deshalb ist Harpers Ferry ein interessanter Melting Pot zwischen Nord- und Südstaaten-Mentalität. Das Merkwürdigste an dieser „Stadt“ ist ihr Aussehen... denn wie so oft haben die Amis alles daran gesetzt, sie „original“ aussehen zu lassen... also wie im 19. Jahrhundert; man kommt sich wie im Film vor, alles ist Fassade! Aber so sind die Amis nun mal... Harpers Ferry ist aber nicht nur wegen seiner Geschichte ein besonderer Ort – was ihn wunderschön macht, ist die Tatsache, dass hier der Shenandoah River und der Potomac River zusammenfließen, vor dem beeindruckenden Hintergrund der Blue Ridge Mountains. Wir kamen uns vor, als hätten wir uns in einer Postkarte verirrt. Bei einer 30km langen Fahrradtour entlang des Potomac Rivers (es war so heiß, dass wir nach dem Baden im Fluss innerhalb von wenigen Minuten getrocknet sind), konnte man die Szenerie richtig in sich aufsaugen... Highlights des von uns erspähten Wildlebens: Ein paar Rehe, ein Murmeltier und ein Kolibri – kein Witz! Auf einen Bären hoffen wir am Wochenende, wenn wir mit ein paar Freunden von der Botschaft in einer Hütte in den Shenandoah Bergen nächtigen... die Hütte hatte letztes Jahr einen Bären auf dem Dach.
Und die USA sonst so? Cool und bizarr zugleich! Mal wieder eine kleine Anekdote: Neulich lief am Samstag Mittag (sozusagen zur Kinder-Primetime) „Chucky, die Mörderpuppe“ im Fernsehen... ich find's so gruselig... amerikanische Kinder etwa nicht?! Und dann haben wir nach (!) 22:00 an einem Sonntag „Eiskalte Engel“ („Cruel Intentions“) gesehen und da war alles, was die Amis anstößig zu finden scheinen, einfach rausgeschnitten... und ich rede hier nicht von abstoßenden Sexszenen, sondern zum Beispiel von einer harmlosen Szene, wo sich zwei junge Frauen (na gut, vielleicht sind sie Teenager) auf einer öffentlichen Wiesen voll angezogen küssen... nicht mehr... die Szene haben sie einfach wegzensiert... genauso wie bestimmte sexuell konnotierte Wörter in den Dialogen... ich finde, es sagt eine Menge über die amerikanische Gesellschaft aus, wenn einem TV-Gewalt zum Mittagessen serviert wird und es okay ist, wenn mein Nachbar in Capitol mit einer Schusswaffe unter dem Kopfkissen schläft – aber man sich küssende Mädchen als zu anstößig empfindet, um es im Fernsehen zu zeigen... Naja, vielleicht ist die USA in dieser Hinsicht noch ein Entwicklungsland... Ich weiß nicht, ob ich auf Dauer mit dieser Mentalität klar kommen könnte. Aber natürlich gibt es auch eine Reihe Amis, die das genauso auf die Palme treibt wie uns Europäer.
Um zu guter Letzt noch etwas Neid zu schüren, möchte ich euch unsere Reiseroute ab dem 10. August darlegen (am 12. September bin ich zurück in good old Deutschland) – siehe PowerPoint Präsentation anbei... nee, Scherz!
11 Tage Florida, mit allem, was dazu gehört (Universal Studios, Water Park, Miami Beaches, Everglades, Schnorcheln in Key Largo...); dann hoch in den Norden: 3 Tage New York, 3 Tage Boston, 3 Tage New Hampshire; Kanada: 3 Tage Quebec, 4 Tage Montreal, 4 Tage Toronto... Rückflug. Dabei bedienen wir uns aller möglichen Transportmittel: Flugzeug (Florida), Bus, Bahn, Mietwagen... was für ein Abenteuer! Ihr werdet von mir hören.
Beste Grüße,
Linda
P.S. Wer immer nicht nicht genug hat, kann auch Jacks Blog ausspähen:
www.jackindc.blogspot.com

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